WAS GIBT ES GEHEIMNISVOLLERES ALS DIE KLARHEIT?
(Paul Valéry)

 

Eileen Gray gehört zu den enigmatischen Figuren der Moderne des 20. Jahrhunderts. Reich, unabhängig, familiärer Konventionen überdrüssig – um 1900 brach sie mit ihrer irischen Adelsfamilie – und aufbruchslustig entwarf sie in Paris Paravents, feine Allotria wie Lackschalen und Teller, Möbel und (wenige) Häuser. Le Corbusier umschwärmte sie und etliche Gerüchte umranken ihre Beziehung.

 

Eines ihrer Hauptwerke ist das Ferien-Haus E.1027 im südfranzösischen Roquebrune von 1927, das sie für ihren Geliebten Jean Badovici entwarf. Vom Meer her sieht es wie eine Villa von Le Corbusier aus, steckt aber voller Eigentümlichkeiten, die Eileen Grays Ruhm in der Nachgeschichte mit begründeten. Der Architekt WILFRIED WANG hat kürzlich in einer Installation den Master Bedroom der kleinen Villa in der Akademie der Künste reproduziert. Ist der Raum einfach? Oder die Vorspiegelung des Einfachen für die Leisure-Class? Ist es ein Zeugnis des Bauhaus-Stils oder ein verheißungsvolles Dokument der „anderen Moderne“ (WILFRIED WANG)?

 

Über das Einfache und das Wesentliche, das Bereichernde und das Reduzierte – kurz, über die paradoxe Moderne der Eileen Gray diskutieren angesichts einiger ihrer Möbel WILFRIED WANG und der Literaturwissenschaftler DETLEV SCHÖTTKER, der soeben eine Anthologie mit ideenhistorischen Texten zur Ästhetik der Einfachheit herausgegeben hat. SCHÖTTKER stellt einleitend die These auf, dass die gefeierte Bauhaus-Moderne des 20. Jahrhunderts nicht allein der Logik industrieller Konstruktion und Serienproduktion folgte, sondern vornehmlich der seit der Antike praktizierten und geforderten Rhetorik der Einfachheit, die elementar die Beschränkung auf das Wesentliche und die Herstellung von Übersichtlichkeit verlangte.

 

Moderiert wird der Abend vom Autor und Verleger GERWIN ZOHLEN.

 

Wir danken Classicon für die Leihgaben.

Literatur: Detlev Schöttker (Hg.), ÄSTHETIK DER EINFACHHEIT. TEXTE ZUR GESCHICHTE EINES BAUHAUS-PROGRAMMS. Berlin: DOM-publishers 2019. Wilfried Wang, Peter Adam (Hg.), EILEEN GRAY: E.1027, 1926–1929. Tübingen/Berlin: Wasmuth & Zohlen Verlag 2017